Reiten: Mehr als nur einfach drauf setzen

Wenn die Puppen langsam uninteressant werden, entdecken viele Mädchen – und einige Jungen – ihr Interesse an Pferden. Dann möchten sie dringend reiten lernen. Doch Pferde eignen sich nur bedingt zum überdimensionalen Kuscheltier, der Umgang mit ihnen will gelernt sein.


Wallach Kalif hat die Ruhe weg. Wie kleine Äffchen schwingen sich die Voltigier-Mädchen auf seinen Rücken, balancieren darauf herum und hüpfen wieder herunter. Kalif ignoriert sie. Brav dreht er seine Runden in der Reithalle des Guts Piesing in Tüntenhausen. Schließlich ist Kalif ein Voltigierpferd, ausgewählt wegen seines ausgeglichenen Gemüts und ausgebildet, beim Trubel um ihn herum seelenruhig immer das gleiche Trab-Tempo zu halten. Selbstverständlich ist das nicht. Pferde sind Fluchttiere und immer darauf bedacht, sich schnellstmöglich aus dem Staub zu machen, so bald ihnen eine Situation bedrohlich erscheint. Deshalb ist ein Kernpunkt des Reiten lernens, ein Verhältnis zum Pferd aufzubauen, in dem das Pferd den Menschen als Leittier anerkennt und im Vertrauen zu ihm ruhig bleibt, wo es eigentlich lieber in Panik ausbrechen würde.

Die Voltigier-Mädchen auf dem Gut Piesing streicheln Kalif zum Auftakt der Stunde den Hals. Kalif weiß dann, dass es ernst wird, dass es aber die ihm bekannten Kinder sind, die sich gleich auf seinen Rücken schwingen werden. Lehrerin Kathrin Walter, eine renommierte Voltigiertrainierin, legt großen Wert darauf, zwischen den Kindern und dem Pferd ein enges Verhältnis aufzubauen.


Viele Kinder, die Reiten lernen möchten, beginnen mit dem Voltigieren.

Das hat Vorteile: Sie können jünger anfangen, bereits mit 5 - 6 Jahren, und sie sitzen später sicherer im Sattel. Wer in der Lage ist, auf einem laufenden Pferd Übungen zu vollbringen, mit denen manche Turnerin selbst am Boden Probleme hätte, der hat eigentlich schon die Basis für das spätere Reiten verinnerlicht: Im Gleichgewicht mit dem Pferd sein und seine Bewegungen mitgehen und vorausahnen. Denn Reiten sieht leichter aus, als es ist. Sich einfach drauf setzen und das Pferd die Arbeit machen lassen ­– der Muskelkater nach dem ersten Ritt zeigt, dass auch vom Reiter Sportlichkeit gefragt ist.

Deshalb beginnen Kinder in der Regel erst mit 8 Jahren mit dem richtigen Reitunterricht ­– dann ist ihre Wirbelsäule ausreichend ausgebildet, um die Stöße der Pferdebewegungen abzufangen. Kinder, die vom Voltigieren kommen oder besonders sportlich sind, können gleich mit dem eigentlichen Unterricht beginnen, also die Zügel selbst in die Hand nehmen. Alle anderen, die Mehrzahl, kommt an die Longe. Auf viele Kinder, die davon träumen, sofort im Galopp durch die Gegend zu preschen, ist die Reitlern-Wirklichkeit ziemlich ernüchternd: Longenunterricht bedeutet, dass das Pferd an einen langen Leine, der Longe, im Kreis rennt, und das Kind ohne Einwirkung auf Tempo und Richtung oben sitzt. Aber genau darauf kommt es beim Reiten an. Die Zügel sind zweitrangig, es gibt sogar Reitstile, bei denen die Pferde gar nicht mit den Zügeln gelenkt werden – wichtig ist es zu lernen, in allen Gangarten sicher im Sattel zu sitzen. Erst dann darf das Kind das Kommando über das Pferd übernehmen.

Denn Pferde sind auch hierarchische Tiere. Wenn sie merken, dass ein Kind Angst hat oder unsicher ist, denken sie: Aha, hier habe ich wohl das Sagen! Das Kind wird sich schwer tun, das Pferd, das ihm körperlich so überlegen ist, dazu zu bringen, zu machen, was es will. So geht es beim Reit- und Fahr­verein Eching Julia mit der Stute Ferry. Ferry sieht mit ihrer langen, silbernen Mähne und dem rötlich-goldenen Fell fast aus wie ein Barbiepuppen-Pferd – aber die Stute hat es faustdick hinter den Ohren. Auf Julias hektische Versuche, ihr beim Putzen den Huf anzuheben, reagiert sie nur mit Ohrenanlegen. »Sprich´ mit ihr, Julia,« ruft Martina Niedermayer, die Reitlehrerin: »Du möchtest ja auch nicht, dass an Dir einer einfach so rumrupft.« Pferdepsychologie gehört beim Reit- und Fahrverein Eching mit zum Reitunterricht. Julia ist eine fortgeschrittene Anfängerin, also schon in der Lage, mit einem Pferd selbstständig einfachere Übungen durchzuführen. Hier beim Reit- und Fahrverein Eching satteln die Kinder ihre Pferde selbst. Sie sollen den Umgang mit den Tieren lernen und eine Beziehung zu ihnen aufbauen. Denn wer am Boden mit einem Pferd nicht zurecht kommt, tut sich auch im Sattel schwer.


Reiten sieht eben doch einfacher aus, als es ist

So ergeht es Julia dann beim Unterricht in der Halle. Ferry schert immer wieder aus der Gruppe aus. Aber auch die anderen Mädchen sitzen nur auf den ersten Blick gekonnt im Sattel. Geduldig korrigiert Martina Niedermayer Sitz, Handhaltung und Bewegungen der Mädchen. Sie läßt ihnen viel Raum, schließlich müssen sie lernen, eines Tages ohne Lehrerin mit einem Pferd klar zu kommen. »Beschäftigt eure Pferde, wenn es ihnen langweilig wird, kommen sie auf dumme Ideen«, ruft Martina Niedermayer ihren Schülerinnen, die frei reiten dürfen, zu. Reiten sieht eben doch einfacher aus, als es ist. Erst nach vielen Jahren Unterricht sind Reitschüler in der Lage, mit einem Pferd selbstständig ins Gelände zu gehen, und auch dann landet so mancher überraschend im Graben, weil das Pferd sich vor einem auffliegenden Fasan erschreckt und einen plötzlichen Satz gemacht hat.

Natürlich muss man nicht Jahre warten, um überhaupt einmal auf einem Pferd zu sitzen. Für pferdebegeisterte Kinder gibt es auch in der Region Angebote, einmal unverbindlich einen Proberitt zu machen. Ponyhöfe wie der Leonhof in Giggenhausen oder der Matthof in Ismaning bieten geführtes Ponyreiten schon für Kleinkinder an, beim Matthof sogar schon ab 1,5 Jahren. Die Mini-Shetland-Ponys dort haben mit 75 cm Körperhöhe ein unbedenkliches Maß und sind nach Gutmütigkeit ausgewählt worden. Hier können die Kinder erste Erfahrungen mit Ponys sammeln, auch wenn sie noch zu jung zum Reiten lernen sind oder dann doch das Interesse an Pferden verlieren. Wenn sie dabei bleiben wollen, können sie auch auf dem Leonhof oder dem Matthof Reitunterricht nehmen. Auch wenn der reine Spaß hier mehr im Vordergrund steht und manchmal unorthodoxer mit Pferden umgegangen wird als auf Höfen, wo sich die Kinder auf Turnierteilnahmen und sportliche Siege vorbereiten – Reitunterricht bleibt Reitunterricht, wenn er qualifiziert durchgeführt wird. Wer später einmal sportliche Erfolge auf dem Pferderücken feiern möchte, sollte sich einen Hof suchen, der die Möglichkeit bietet, früh an Turnieren teilzunehmen, und auch geeignete Pferde im Stall stehen hat. Wer einfach entspannt durchs Gelände bummeln möchte, ist vielleicht besser mit einem Hof bedient, bei dem die Schulpferde so gelassen sind, dass man sich auch als unerfahrenerer Reiter mal mit ihnen in den Wald wagen kann.

Für viele Eltern ein heikler Punkt: Reiten ist ein teures Hobby. Neben dem Unterricht ist die richtige Ausrüstung absolut unverzichtbar. Da kommt schnell was zusammen: Helm, Stiefel oder Stiefelletten, Reithosen, Handschuhe, eventuell eine Schutzweste. Das ist keine Frage der Optik, sondern der Sicherheit – Stürze gehören nun mal zum Reiten dazu (und passieren auch den erfahrensten Reitern immer noch).

Und eines Tages beginnt fast jedes reitbegeisterte Kind vom eigenen Pferd zu träumen. Wenn es zudem Turnierambitionen hat, führt oft kein Weg daran vorbei. Ein gutes Turnierpferd kostet leicht so viel wie ein Kleinwagen, und auch Unterhalt und Tierarztrechnungen sind kein Kleinigkeit. Reine Freizeitpferde sind zwar in der Anschaffung recht günstig, wenn es keine der Moderassen wie Friese oder Quarter Horse sein soll, doch auch hier kommen für den Unterhalt, Schmied und Tierarzt schnell vierstellige Summen im Jahr zusammen. Eine Lösung ist eine Reitbeteiligung, das Kind kann gegen einen Beitrag ein Pferd an bestimmten Tagen reiten als wäre es sein eigenes. Allerdings akzeptieren die meisten Pferdebesitzer aus Sorge vor Unfällen nur größere Jugendliche.

Auch wenn die Kosten beim Reiten auf jeden Fall ein Thema sind – der Spaß auf dem Pferderücken ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Und wer einmal die Erfahrung gemacht hat, dass er mit freundlicher Beharrlichkeit ein so großes, starkes Tier wie das Pferd kontrollieren kann, tut sich vielleicht auch auf dem Schulhof mit den Mitschülern leichter. Denn so ganz anders als Pferde ticken wir Menschen auch nicht.

[Elke Virginia Koch]