Selbstbehautpung:
Stille Wasser haben es schwer

Wer sich nicht behaupten kann, wird leichter zum Opfer. Es muss gar nicht der Ausnahmefall, die Bedrohung durch einen Gewalttäter sein, meist reichen schon hänselnde Schulkameraden, um einem Kind das Leben schwer zu machen. Ein Selbstbehauptungskurs kann da helfen, die eigene Stärke zu entdecken und mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln.


Die Rollenbilder sind meist noch immer klar definiert. Daran haben auch 30 Jahre Frauenbe­wegung und in Illustrierten gefeierte »neue Frauen/Männer« nichts geändert. Jungen dürfen/ sollen ruhig ein bisschen wild und aggressiv sein, Mädchen dürfen/sollen sich eher zurücknehmen. Aber wie fühlt sich das Kind dabei wirklich? Was, wenn der Junge ruhig und zurückhaltend ist? Und was, wenn das stille Mädchen Probleme hat, überhaupt einmal Gehör zu finden und manchmal einfach vor Wut losschreien möchte? Vielleicht werden beide in Kindergarten oder Schule oder von den eigenen Geschwistern übergangen und gehänselt und leiden darunter?

Wer sich selbst klein macht, wird leichter zum Opfer der Aggression anderer. Dabei muss es sich nicht gleich um den Extremfall handeln – der Fremde, der das Kind auf dem Nachhauseweg anspricht, ist viel unwahrscheinlicher als irgendein Klassenkamerad, der sich das schwächste Kind als Opfer für Hänseleien und Angriffe aussucht. Am eigenen Selbstwertgefühl misst sich die Achtung der anderen.

Deshalb vermitteln die meisten Kursangebote zur Selbstbehauptung und Selbstverteidigung von Kindern, meist Mädchen, nicht in erster Linie körper­liche Abwehrtechniken. Denn das Kind soll nicht lernen, sich siegreich zu prügeln, es soll erst gar nicht in eine Situation geraten, die körperliche Abwehr nötig macht. »Sich selbst vertrauen, sich selbst behaupten«, dieses Motto stellt Trainerin Daniela Hamm ihren Kursen voran.


Die Mädchen müssen sich selbst kennen lernen

 Selbstbehauptung»Die Mädchen müssen sich selbst kennen lernen, ihre eigenen Gefühle, ihre Ängste wahrnehmen. Sehen: Das ist so, und ich nehme es ernst«, so Daniela Hamm, die mit Mädchen im Vorschul- und Grundschulalter arbeitet. Anhand z.B. von Rollenspielen mit Tieren lernen die Kinder ihre Ängste – als sinnvoll – kennen, merken aber auch, dass kleine, schwache Tiere sich gegen große, starke durchaus wehren können. Dabei sollen die Mädchen in einer Gruppe von 6 bis 12 Kindern selbst herausfinden, wo ihre eigenen Stärken liegen, NEIN sagen lernen und ihrem Ärger mal Luft machen dürfen. Daniela Hamm begleitet die Mädchen durch diesen Prozess, hält sich aber zurück. Schließlich soll den Kindern nicht schon wieder vorgeschrieben werden, wie sie sich zu verhalten haben. Innerhalb der Gruppe spielen sich dann oft ähnliche Szenen ab wie außerhalb, aber die Mädchen lernen hier, sich die Hintergründe anzuschauen und ihr eigenes Verhalten und das anderer einzuschätzen.


Was bin ich wert und was kann ich damit machen

»Was sage ich, wenn ich nichts sage – vielen Mädchen ist«, so die Trainerin Edith Kottirsch-Herberg, »gar nicht bewusst, dass es eine Körpersprache gibt.« Deshalb ist es eben auch mit NEIN-Sagen-Lernen nicht getan – die Kinder müssen erst ein Selbstwertgefühl aufbauen, um sich selbst überhaupt schützenswert zu finden. »Was bin ich wert und was kann ich damit machen?« Edith Kottirsch-Herberg, die eine Empfehlung des Bayerischen Jugendrings vorweisen kann, versucht, den Mädchen in ihren »Laute(r) starke Mädchen«-Kursen (für Mädchen von 7 - 10 Jahren, 11 - 14 Jahren und 15 - 17 Jahren) zu vermitteln, dass sie Grund haben, sich stark zu fühlen und dass sie diese Stärke auch nach außen ausstrahlen können, und sei es eben auch mal durch lautes Schreien. Altersbedingt geht es in diesen Kursen auch bereits um sexuelle Identitätsfindung und beginnende Frau-Werdung, die oft mit Scham verbunden ist. Sexueller Missbrauch wird nicht direkt thematisiert, um keine neuen Ängste aufzubauen, aber natürlich soll der Kurs auch helfen, die Mädchen so selbstbewusst zu machen, das sie gar nicht erst dem gängigen Opferbild entsprechen. Zwar vermittelt Edith Kottirsch-Herberg ihren Seminarteilnehmerinnen auch Faust- und Fußtechniken und zeigt ihnen, wie sie sich aus einem Haltegriff befreien können, Ziel des Kurses ist es jedoch, die Mädchen davor zu bewahren, überhaupt potentielle Opfer zu werden. Wichtiger als die Abwehr mit dem Körper ist die mit dem Kopf, so Edith Kottirsch-Herberg.


Mit Gefahren umgehen und sie im Alltag bewusst wahrnehmen

SelbstverteidigungDennoch ist vielen Eltern wichtig, dass sich ihr Kind wirkungsvoll wehren kann, wenn es einmal in eine bedrohliche Situation geraten sollte. Hier setzt das KidsPro! Kinderschutztraining an. Gründer Andreas Busche, Kempo-Karate-Ausbilder und Träger des 5. Dan, stellt zwar das Selbstbewusstseinstraining in den Vordergrund, übt mit den Kindern aber auch spielerisch ein, sich zu verteidigen, mit Gefahren umzugehen und sie im Alltag bewusst wahrzunehmen. Dabei geht es auch hier nicht nur um den Extremfall »fremder Gewalttäter«, sondern generell den Umgang mit Bedrohungen – die können in der Schule auftreten, aber auch in Form eines frei laufenden Hundes, den das Kind nicht einschätzen kann. Da solche Situationen nicht unbedingt geschlechtsspezifisch sind, werden bei KidsPro! Mädchen und Jungen zusammen trainiert. Obwohl die meisten Kurse sich vorwiegend an Mädchen richten, gibt es auch Angebote speziell für Jungen. Mannigfaltig, ein bundesweiter Verein für Jungen- und Männerarbeit, bietet über seine Münchner Niederlassung gelegentlich auch in Freising Selbstbehauptungs- und Identitätskurse für Jungen an. Ähnlich wie bei den Mädchen geht es hier um An­hebung des eigenen Selbstwertgefühls und um die Auseinandersetzung mit der eigenen und erwarteten Identität.

Auf der selben Linie liegt der Trainer Konrad Hörmann, der Jungen ab 6 Jahren helfen möchte, selbstbewuss­ter mit Konfrontationen und Aggressionen umgehen zu lernen, ohne dabei selbst gewalttätig werden zu müssen.

Übrigens ist mit dem Ende der Kindheit nicht alles zu spät, um noch was für das eigene Selbstwertgefühl zu tun. Alle Kursleiter bieten auch Selbstbehauptungskurse für Frauen bzw. Männer an. Es ist also nie zu spät, das eigene Selbstbewusstsein ein bißchen aufzupolieren.
[ Elke Virginia Koch]