Spielplatz Natur: Lernen und Erleben im FreienSpielplatz Natur: Lernen und Erleben im Freien

Das Spielen ohne Spielzeug ist das eigentliche, das ursprüngliche Spiel. Faszinierend, wie die Kinder in der Natur die Zeit vergessen und ganz im Spiel aufgehen.


Seit einem Jahr haben wir einen Garten. Endlich. Seither staunen wir, wie sich unsere beiden Mädchen (3 und 5 Jahre) zwei, manchmal sogar drei Stunden lang ohne Kinderkanal, ohne Eltern-Entertainment-Programm und vor allem ohne Barbie und Lillifee im Freien bestens amüsieren. Gespielt wird mit allem, was der Garten so hergibt: Steine, Stöckchen, Gras, Sand, Blätter, Erde, Blumen, Fallobst, Würmer und Schnecken. Letztere haben es meinen Kindern besonders angetan. Die schleimigen Schleicher werden getauft, zu Familien gruppiert, gefüttert, gestreichelt, es werden ihnen Schlösser gebaut und Schneckenrennen mit ihnen veranstaltet. 

Faszinierend, wie die Kinder die Zeit vergessen und ganz im Spiel aufgehen. »Das Spielen ohne Spielzeug ist das eigentliche, das ursprüngliche Spiel«, erklärt die Freisinger Umweltpädagogin Evi Lichtenwald dieses Phänomen. Sich frei bewegen und die Umwelt frei gestalten zu können, sind Grundvoraussetzungen für die Entwicklung von Kreativität. Lichtenwald, die beim Kreisjugendring in München arbeitet und auch in Freising verschiedenen Waldkindergruppen geleitet hat, ist davon überzeugt, dass die Natur die optimalen Spielmöglichkeiten bietet. »Sie liefert eine so große Fülle an Formen, Farben und Materialien, die man in einem geschlossen Raum niemals schaffen kann.« 

Die Vielzahl an Sinneseindrücken, die die Natur bereithält, fördert die Wahrnehmung der Kinder. »Man muss die Dinge erst einmal angreifen, bevor man sie begreifen kann«, so Lichtenwald. Eine Vorstellung von der Schwere eines Steins, kann man eben nur bekommen, wenn man den Stein in der Hand wiegt, den Duft einer Blume erlebt man nur dadurch, dass man daran riecht. Echt und real, mit der Nase, und nicht virtuell, am Computer. Eigentlich ganz logisch.


In der Natur lernen Kinder ihre körperlichen Fähigkeiten kennen

Kinder, die viel in der freien Natur sind, bewegen sich mehr und sicherer als die sogenannten »Stubenhocker«. Diese Erfahrung hat Evi Lichtenwald auch in ihren Waldkindergruppen gemacht. »Manche Zweijährige purzeln anfangs nur so über den unebenen Waldboden, doch mit der Zeit bewegen sie sich geschickt und sicher über Baumwurzeln und Steine«. In der Begegnung mit der Natur lernen Kinder ihre körperlichen Fähigkeiten, aber auch ihre Grenzen kennen. Die Psychologin und Journalistin Elke Leger beschreibt im Online Familienhandbuch, was ein Kind beim Klettern erlebt: »Augen, Hände und Füße müssen gut kooperieren, um sicheren Tritt zu fassen an der Rinde des Baumstammes, ein Ausrutschen 
verwandelt Übermut in Vorsicht, das Einschätzen der Tragfähigkeit eines Astes lehrt planendes Handeln. (...) All diese Erfahrungen nisten sich ein in der Psyche eines Kindes, formen seine Persönlichkeit.«

Doch leider hat sich unsere Lebensumwelt dahingehend verändert, dass Kinder immer weniger mit der Natur in Berührung kommen. Oft ersetzen asphaltierte Hinterhöfe den Garten, der Feiertagsausflug führt in den Vergnügungspark anstatt in den Wald, an einen Fluss oder einfach auf eine bunte Blumenwiese. Dabei gibt es im Landkreis Freising, sozusagen direkt vor der Haustüre, viele wunderschöne Naturlandschaften, die nur darauf warten, von den Kindern entdeckt zu werden: Die Isarauen, das Ampertal, der Kranzberger und der Wippenhauser Forst, die Garchinger Heide oder das Freisinger Moos.

Ideal für »Einsteiger« ist der 2 km lange Walderlebnispfad im Freisinger Forst, der auf 23 Stationen zu sinnlichen Naturerfahrungen, Bewegungsspielen und Wissenserweiterung einlädt. Der Rundgang beginnt und endet an der Waldwirtschaft »Plantage«. Im Naturlabyrinth können die Kids ihren Orientierungssinn testen, am Fühlpfad barfuss die unterschiedliche Beschaffenheit verschiedener Waldböden wie Erde, Steine, Moos und Rinde spüren oder an der Weitsprunggrube ausprobieren, ob sie so weit springen können wie eine Maus, ein Marder oder gar wie ein Reh. Das Ganze ist so abwechslungsreich aufgebaut, dass selbst die naturentwöhntesten Kinder hier gerne spazieren gehen und entdecken, wie viel Spaß Natur machen kann. Und vielleicht bleibt zwischendurch ein wenig Zeit, um der emsigen Betriebsamkeit auf dem Ameisenhaufen zuzusehen, in der Lichtung einem Frosch hinterher zu hüpfen, Springkraut knallen zu lassen oder einfach nur die Augen zu schließen, um dem Konzert der Vögel und Insekten zu lauschen.


Hilfreich für Waldausflüge sind Bestimmungsbücher für unterwegs

Dabei entstehen natürlich auch Fragen, vor denen manchen Erwachsenen graut, da sie oft nicht aus dem Stegreif zu beantworten sind. Hat der Tausendfüßler echt tausend Füße? Was fressen Ameisen? Kann man die roten Beeren da drüben essen? Eigentlich eine gute Gelegenheit, selbst mal wieder etwas dazuzulernen und nachzuschlagen. Hilfreich für Ausflüge in den Wald sind Bestimmungsbücher für unterwegs, in denen man Bilder und Erklärungen zu zahlreichen heimische Tier- und Pflanzenarten findet. Toll sind auch Becherlupen, um die Krabbeltiere ganz genau anschauen zu können.

Noch spannender wird es, wenn die kleinen Naturforscher unter fachkundiger Anleitung Tier- und Fraßspuren im Wald untersuchen oder wie die Indianer auf geheimen Pfaden durch die Amperaue schleichen, um dort Vögel, Füchse und Biber zu beobachten. Die Kindergruppe des Bund-Naturschutz in Freising trifft sich alle zwei Wochen freitags in der BN Geschäftstelle im Haus der Vereine und meistens geht es dann mit der Gruppenleiterin Beate Udod-Geiger und verschiedenen Experten raus in die Natur. Auf dem Programm stehen unter anderem Libellen- und Vogelstimmenexkursionen, Besuche beim Bio-Bauern und im Museum für Mensch und Natur in München, im Herbst die Streuwiesenmahd und der Nistkastenbau und im Winter die Tierspurensuche im Schnee. Das Interesse ist groß, jedes Mal sind um die 15 Kinder im Alter von 7 bis 12 Jahren dabei. »Die Kinder, die mit uns aufgewachsen sind, bleiben meist auch im Naturschutz aktiv«, so Beate Udod-Geiger.

Denn nur wer die Natur kennt, kann sie auch schützen. Deshalb engagiert sich auch Ulrike Kolar, Leiterein der Kindergruppe »Die frechen Moosfrösche« in Moosburg beim Bund Naturschutz. »Es ist erschreckend, wie wenig die Kinder heutzutage über die Natur wissen«, sagt Kolar, die auch eine Igel-Aufzuchtstation betreibt und darüber häufig in Schulen referiert. 

Neben dem Bund Naturschutz bieten auch das Zentrum der Familie und die Naturfreunde Freising regelmäßig Naturkindergruppen für verschiedene Altersklassen an. Die Naturpädagogin Daniela Hamm organisiert neben Führungen in die Wälder und Wiesen der Region auch Kindergeburtstage in der Natur, mit Schatzsuche, Bewegungsspielen und Naturbeobachtungen. Mal was anderes fürs Kinderfest.

Vom Spielplatz Natur können die Kids eigentlich nur profitieren. Dennoch, bei vielen Eltern schwingt die Sorge mit, der Nachwuchs könnte sich beim Spiel im Freien verletzen, von einer Biene gestochen werden oder mit giftigen Pflanzen in Berührung kommen. Die meisten dieser Ängste sind unbegründet, wenn man ein wenig vorbereitet ist, weiß Umweltpädagogin Evi Lichtenwald. Natürlich sollte man wissen, ob ein Kind Allergien hat, zum Beispiel gegen Bienengift, und dementsprechend vorsorgen. Auch Vorsorgemaßnahmen gegen Zeckenbisse sind empfehlenswert (siehe Kasten). Ansonsten gehören ein Mücken-stich und ab und zu ein paar Kratzer zu erlebnis- reichen Kindertagen einfach dazu.

Unsere beiden Mädchen jedenfalls sind nach einem Tag im Garten oder im Wald zwar zerzaust und bis unter Fingernägel schmutzig, aber dafür angenehm ausgepowert, müde und glücklich. 
[Katrin Ruiz]


Einige Verhaltensregeln in der Natur:
1. Der Natur mit Respekt begegnen
2. Keine Tiere verletzen
3. Kot, Federn und Knochen nicht anfassen
4. Beeren, Pilze oder Pflanzen vor dem Verzehr waschen

Zeckenprophylaxe
1. Helle, geschlossene Kleidung tragen (lange Ärmel, lange Hosen, Kopfbedeckung, geschlossene Schuhe, Hose am besten in die Socken stecken)
2. Insektenabweisende Mittel auftragen
3. Nach dem Ausflug: Zeckenkontrolle am ganzen Körper durchführen(vor allem an warmen, weichen Körperteilen wie Kniekehlen, Achselhöhlen, Hals)
4. Wegen Impfung gegen FSME den Arzt um Rat fragen